Zur Vermessung des Vinschger Sonnenbergs

Die West-Ost Ausrichtung des Tals und die Tätigkeiten des Menschen haben im Vinschgau in mehrfacher Hinsicht eine der reizvollsten Naturlandschaften der südlichen Alpen hervorgebracht: den Vinschger Sonnenberg. Die nördlichen Bergflanken dieses Alpentals sind auf einer Länge von etwa 50 km ideal dem Lauf der Sonne zugewandt – im Sommer kann sich dadurch der Boden bis auf 80° aufheizen und im Winter bleibt der Schnee hier nur wenige Tage, maximal einzelne Wochen liegen. Da der Jahresschnitt der Niederschläge im Vinschgau ohnehin nur rund 500 mm beträgt und die wenigen Bäche auf dieser Seite in Schluchten oder tiefen Seitentälern zu Tal fliessen, ist es sehr trocken und die Vegation entsprechend angepasst.

Der Name Sonnenberg ist also Programm.

Der herbstliche Vinschger Sonnenberg bei Vetzan

Der herbstliche Vinschger Sonnenberg bei Vetzan

Felsen am Laaser Sonnenberg

Markante Felsen und Steinformationen tragen zur besonderes Ausstrahlung des Sonnenbergs bei

Ein Apollofalter fliegt über das Federgras

Ein Apollofalter fliegt über’s Federgras


STEPPENVEGETATION UND BIODIVERSITÄT

Der Sonnenberg ist Lebensraum für eine reichhaltige Steppenvegetation, mit an die besonderen Verhältnisse angepassten Pflanzen- und Tierarten. Ähnliche spezialisierte Alpensteppen findet man nur noch in den Wallisser Felsenrasen und den Graubündner Trockenrasen in der Schweiz oder den Fließer Sonnenhängen und den Trockenrasen am Kaunerberg in Tirol. Vom Standpunkt der Biodiversität ist die Vegetation einzigartig. Zu beobachten ist hier eine überraschend artenreiche und für die Alpen durchaus ungewöhnliche Pflanzenwelt. Man findet etwa Steppengräser aus dem Schwarzmeergebiet wie das schöne Federgras (stipa capillata), Baumarten wie die schwarz-goldene Flaumeiche (Quercus pubescens) oder die Hopfenbuche (ostrya carpinifolia), die man aus der Mittelmeergegend kennt und seltene Blütenpflanzen wie den Türkenbund (lilium martagon) oder die Steinnelke (dianthus sylvestris) sowie einige pflanzliche Besonderheiten wie das Meerträubel (ephedra distachya subsp. helvetica), die zu den ältesten vom Menschen genutzen Heilpflanzen zählt.

Doch auch Neuzugänge in der Flora sind zu verzeichnen – so bedeckt etwa die Schwarzföhre (pinus nigra) durch Aufforstung in den 1950er und 60er Jahren große Bereiche der vorher baumfreien Steppenlandschaft, und auch die nordamerikanische Robinie (robinia pseudoacacia), der asiatische Götterbaum (ailanthus) oder das aus Südafrika stammende Schmalblättrige Greiskraut (senecio inaequidens) fühlen hier offensichtlich sehr wohl.

Natürlich profitiert auch die Tierwelt von der pflanzlichen Artenvielfalt, Schmetterlinge wie der Segelfalter (iphiclides podalirius) oder der Apollofalter (parnassius apollo), Insekten wie die Gottesanbeterin (mantis religiosa) und Reptilien wie die Smaragdeidechse (lacerta viridis) fallen dabei besonders ins Auge.

DER MENSCH AM SONNENBERG

Durch die Präsenz des Menschen ist der Sonnenberg zu dem geworden, was er heute ist. Die ältesten Siedlungsspuren im Vinschgau findet man hier; hier waren die Wohnstätten, die Weidegebiete und auch die heiligen Orte zu finden.
Die Nutztiere des Menschen, die Ziegen und Schafe schufen Platz für niedere Blumen- und Gräservegetationen und drängten den Baum- und Strauchbestand zurück, so dass sich die charakteristische Steppenlandschaft weiter ausdehnen konnte. Es wird sogar erzählt, dass die Römer oder Venezier den Sonnenberg in großem Maßstab abgeholzt hätten – ob es den Tatsachen entspringt wissen wir nicht genau. Ötzi, der älteste und wohl einer der bekanntesten Europäer kannte den Sonnenberg ebenfalls sehr gut – in seinem Magen fanden sich die charakteristischen Pollen der Trockenrasenvegetation und als Proviant führte er getrocknete Schlehdornbeeren mit. Sein kaltes Grab fand er in hochalpiner Lage, genau an der Grenze der Süd- und Zentralalpen.

Entlang des ganzen Sonnenberges, besonders konzentriert jedoch bei Partschins und von Kastelbell bis Latsch finden sich hunderte steinerne Zeugnisse vielleicht neolithischer, eher aber kupfer- und bronzezeitlicher Kulturen, zumeist Schalensteine, vereinzelt jedoch auch Menhire, Steinaltare, Wohnhöhlen und -gruben und andere geheimnisvolle Steinmonumente wie etwa die Klumperplatte in Kastelbell. Der aufwändig behauene Figurenmenhir mit markantem Sonnensymbol aus Marmor stellt jedoch eine kunstvoll bearbeitete Besonderheit dar – erst 1992 wurde diese kupferzeitliche Stele aus Ötzis Zeit in der Latscher Bichlkirche entdeckt.

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte der Mensch das Bild der Landschaft – aufgrund des trockenen Klimas wurden entlang des Sonnenbergs Bewässerungssysteme errichtet: die Waale. Von den Bächen weg wurden Bewässerungskanäle aufwändig durch die Berghänge geführt – die darunter liegenden Flächen konnten so gezielt bewässert werden und ermöglichten die Bewässerung der Weideflächen, aber vor allem das Bewirtschaften von Getreideäckern, Kastanienhainen, Weinbergen und anderen Obstkulturen.
Heute gibt es am Sonnenberg zwar Bergbauernhöfe mit ihren landwirtschaftliche Nutzflächen, aber aufgrund der Trockenheit und Wasserknappheit keine ausgedehnten Siedlungen und weitläufigen landwirtschaftlichen Flächen. Diesem Umstand verdanken wir, dass noch immer große Teile des Gebiets ihren ursprünglichen Charakter behalten haben, alte Kultplätze bestehen konnten und der Zwang des Menschen, sich mehr und mehr Flächen anzueignen, im Rahmen hält.

DIE VERMESSUNG DES VINSCHGER SONNENBERGS

Unter diesem Titel wollen wir uns auf gonda.tv näher mit dem Vinschger Sonnenberg befassen, ihn erforschen und uns über ihn mit anderen Menschen austauschen. Ich kenne den Sonnenberg bereits seit meiner Kindheit von den Besuchen bei meinen Großeltern auf ihrem Hof und kann mich noch gut daran erinnern, dass er damals schon eine mythische Entdeckungslandschaft für mich war und ich von den Steinen, den Pflanzen, den Tieren und dem Charakter dieser Landschaft auf unerklärliche Art und Weise ergriffen war. Dieses Staunen ist es auch heute noch, das mich immer wieder dort hin führt und es ist eine schöne Aufgabe, sich mit dieser Landschaft auf verschiedene Art auseinanderzusetzen – erst recht, wenn man dies gemeinsam tun kann… Gonda ist nämlich eine echten Vinschger Sonnenbergerin!

Stummer Zeuge der Vergangenheit: Schalenstein am Saxnerhof bei Partschins

Zur Fotosammlung “Vinschger Sonnenberg” im Gonda.tv-Bildarchiv

Veröffentlicht am 7. April 2010
um 17:48 von Mare

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Kategorien Vermessung des Vinschger Sonnenbergs

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